Licht im Dunkel
des Meeres



Als führender Unterwasserfotograf begibt sich
Laurent Ballesta in
die letzten unerforschten
Gebiete unseres Planeten

Wenn Laurent Ballesta von seinen Entdeckungen unter Wasser berichtete, wurde ihm oft nicht geglaubt. Also kaufte er eine Kamera, um Beweise zu haben. Selbst die kleinsten Meerestiere begeisterten ihn so sehr, dass er jedem von seinen spektakulären Beobachtungen erzählen wollte. Nur: Die meisten reagierten entweder verlegen oder offen skeptisch. »Selbst meine Mutter, mein Vater und mein Bruder sagten: ›Ja, klar, auf jeden Fall!‹ Aber in ihren Augen konnte ich sehen, dass sie mir im Grunde nicht glaubten«, sagt er. Also traf er eine Entscheidung, mit denen er die Weichen für sein künftiges Leben stellte.

»Als ich 16 war, erklärte ich meinem Vater, dass ich für mein Studium und anschließend für meinen Beruf als Meeresbiologe eine Kamera brauchte. Als ich ihn fragte, ob er mir das Geld für die Unterwasserkamera Nikonos V geben könnte, war das, wie wenn ich heute bei einem Sponsor vorspreche: Es ging um sehr, sehr viel. Die 1.500 Euro, die ich brauchte, waren für damalige Verhältnisse eine Menge Geld. Aber mein Vater nahm meinen Wunsch ernst und sagte, er würde mir die Kamera kaufen, aber das Geld von meinem Erbe abziehen – aus Gerechtigkeit gegenüber meinem Bruder. Man kann sich vorstellen, welche Verantwortung ich empfand, als er das sagte.«

Eine Bürde war die für ihn jedoch nicht. Laurent ging seinen Weg und wurde einer der führenden Unterwasserfotografen, Umweltschützer und Naturwissenschaftler, der heute regelmäßig in unerforschte Gebiete aufbricht. »Meine Expeditionen sind alle unterschiedlich«, sagt er. »Drei Dinge haben sie aber gemeinsam: Es gibt immer ein Forschungsziel, eine technische Tauchhürde, die es zu überwinden gilt, und das Versprechen neuer Naturfotografien – also keine Aufnahmen von etwas, das wir bereits kennen.«

Seine letzten fünf großen Missionen, die als Gombessa- Expeditionen bekannt sind, führten Laurent bis an den bisherigen Erfahrungshorizont der Menschheit. Von dort brachte er nicht nur wertvolle Daten, sondern auch faszinierende Bilder mit. Auf Gombessa V im Juli 2019 verbrachten er und drei Kollegen zwischen Marseille und Monaco einen Monat lang in einer Taucherglocke, die nicht größer war als eine kleine Küche, weit unterhalb der Oberfläche des Mittelmeers.

Die vier Männer befanden sich 28 Tage am Stück bis zu acht Stunden täglich in zwei Schichten von drei bis vier Stunden in einer Meerestiefe von bis zu 145 Metern. Aus einer solchen Tiefe aufzutauchen, dauert normalerweise bis zu sieben Stunden. Laurent hatte jedoch ein bahnbrechendes System konzipiert, bei dem die Taucher auf die Dekompression verzichten konnten. So dauerte das Auftauchen nur drei Minuten. An der Oberfläche wurde die noch immer unter Druck stehende Taucherglocke an Bord des Schiffes mit zwei weiteren Druckkammern verbunden, die eine Küche und Schlafquartiere beherbergten. Außerdem entwickelte er eine Methode, mit der es möglich war, von der Taucherglocke aus Tauchgänge ohne die übliche »Nabelschnur« zu unternehmen. Diese beiden Neuerungen bedeuteten mehr Freiheit und längere Tauchzeiten als bei früheren Unterwassermissionen dieser Art – und somit auch mehr Zeit für Fotos.

»Wie bei allen meinen Expeditionen bestand die größte Herausforderung nicht darin, das Foto zu machen, sondern zu den Tieren gelangen«, sagt er. »Es ist jedes Mal anders: In der Antarktis ist es bei solchen Tauchgängen natürlich schmerzhaft kalt, aber sobald man sich daran gewöhnt hat, ist es leicht, eine Aufnahme von einer atemberaubenden Unterwasserwelt zu machen. Bei unseren Haiaufnahmen in Französisch-Polynesien mussten wir neue Belichtungstechniken erfinden, weil die Haie nur nachts jagen und sich enorm schnell bewegen. Über fünf Jahre verbrachten wir insgesamt rund 3.000 Stunden mit dem immer selben Tauchgang, manchmal zwei oder drei Mal pro Nacht.«

Routine ist der Preis, den man häufig für ein Abenteuer zahlen muss. Am Ende winken jedoch teilweise sagenhafte Resultate. Die Aufnahme vom Jagdrausch der Haie aus dem Jahr 2017 entstand auf der vierten der fünf Gombessa-Expeditionen und mündete in ein Buch und eine National-Geographic-Dokumentation mit dem Titel 700 Sharks. Auf Gombessa I im Jahr 2013 kam es vor der Küste Südafrikas zur Begegnung mit dem Quastenflosser – einem lebenden Fossil. 2014 dokumentierten Laurent und sein Team auf Gombessa II in Französisch-Polynesien die Paarung von Zackenbarschen, die jedes Jahr nur für etwa eine halbe Stunde stattfindet. Drei Jahre später kehrte er im Rahmen von Gombessa IV dorthin zurück, um die Haie zu fotografieren, die die Zackenbarsche umkreist hatten.

Jede neue Expedition ist noch ambitionierter, erfordert mehr Planung und Geld. Das bedeutet einen größeren zeitlichen Aufwand für die Beantragung von Fördermitteln und die Werbung potenzieller Sponsoren. An Gombessa V waren zwölf finanzielle Partner beteiligt. Das ist harte Arbeit, die mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann. »Das Geld besorgen, Genehmigungen einholen, alle davon überzeugen, zusammenzuarbeiten – das ist mein täglich Brot«, sagt Laurent. »Manchmal wache ich morgens auf und muss mich erst einmal motivieren. Doch dann besinne ich mich darauf, dass ich die Gelegenheit haben werde, an einem Ort zu sein, an dem ich mit einem Klick auf den Auslöser etwas Neues entdecken werde – ein neues Verhalten oder sogar eine neue Tierart. Das gibt mir die Kraft, weiterzumachen.«

Im letzten Juli in der Enge der Taucherglocke im Mittelmeer musste er all seine Entschlossenheit aufbringen, um die Widrigkeiten des Projekts zu bewältigen. Die Luft in dem Unterwasserfahrzeug war eine Mischung aus 97 Prozent Helium und drei Prozent Sauerstoff und somit deutlich wärmer als gewöhnliche Luft. »Einmal dachten wir, wir müssten alle sterben«, erzählt er. »Wir schwitzen stark und mussten uns nackt auf den Boden legen, um mit der Situation zurechtzukommen. Beim Tauchen fühlte sich das Wasser kälter an als in der Antarktis.« (Laurent weiß, wovon er spricht, denn 2015 tauchte er im Rahmen von Gombessa III vor dem gefrorenen Kontinent in bislang unerforschten Gewässern.)

Was künftige Expeditionen angeht, hat Laurent sich hohe Ziele gesteckt. »Auf dem Jupitermond Europa hat man unter einem Eisfeld einen flüssigen Ozean entdeckt«, sagt er und grinst. »Wer weiß – vielleicht wird das eines Tages Gombessa XX sein?«

LAURENT BALLESTA

FRANKREICH

Die erste Unterwasserkamera, die ich mir kaufte, war eine Nikonos V. Seitdem bin ich Nikon treugeblieben. Jahre später stellte ich meine Arbeit Nikon Frankreich vor und bat um Unterstützung, die ich zum Glück bis heute bekomme.

Bis zu fünf D5-Gehäuse mit dem AF-S NIKKOR 14–24 mm 1:2,8G ED, AF Fisheye-NIKKOR 16 mm 1:2,8D, AF-S NIKKOR 20 mm 1:1,8G ED, AF-S Micro-NIKKOR 60 mm 1:2,8G ED und dem AF-S VR Micro-NIKKOR 105 mm 1:2,8G IF-ED.

Seit Kurzem fotografiere ich auch mit der Z 7, weil sie kompakter ist als die D5. Ich hoffe, dass mir das neue Modell beim Fotografieren winziger Lebewesen neue Arbeitsweisen eröffnen wird.

D5

AF-S NIKKOR 14–24 mm
1:2,8G ED

AF Fisheye-Nikkor 16 mm 1:2,8D

In eisig kalten Gewässern auf der Expedition Gombessa III, Adélieland, Antarktis, 2015

D4S, AF-S Zoom-NIKKOR 17–35 mm 1:2,8D IF-ED, ISO 1.600, 1/160 s, Blende 7

Taucherglocke und Taucher in 65 Metern Tiefe auf Gombessa V, Mittelmeer, 2019

Metadaten nicht verfügbar

Vor der Küste von Cassis, Gombessa V, 2019

D4s, AF-S Zoom-Nikkor 17-35 mm f/2.8D IF-ED, 3200 ISO, 1/30 s à f/5.6.

Nur einige von 700 Sharks, Gombessa IV, Französisch- Polynesien, 2017

Metadaten nicht verfügbar

Ein Quastenflosser lächelt für die Kamera, Gombessa I, 2013

Metadaten nicht verfügbar

Zackenbarsche schlagen Wellen, Gombessa IV, Französisch-Polynesien, 2017

Metadaten nicht verfügbar