DIE nicht SICHTBARE KUNST


Für einen gelungenen Videoschnitt braucht man nicht nur eine Menge Bildmaterial und eine gute Software, man muss auch offen sein für neue Perspektiven

Der Videoschnitt kann besonders für Anfänger beängstigend wirken. Doch wenn man einige grundsätzliche Dinge befolgt, lässt sich mit dem eigenen Filmmaterial durchaus eine fesselnde Geschichte erzählen.

»Man muss sich bei jeder Aufnahme fragen, ob sie für die Story wirklich gebraucht wird«, sagt Tobias Beul, Filmeditor von Spiel-, Kurz- und Werbefilmen. »Bei jeder Entscheidung und jeder Aufnahme lautet die wichtigste Frage: ›Entsteht dadurch ein Mehrwert für das, was ich sagen will?‹ Alles, was die Botschaft verwässert, wird rausgeschnitten.«

Der Filmschnitt gilt als unsichtbare Kunst. »Guter Filmschnitt fällt beim Anschauen gar nicht auf«, sagt Tobias. »Schlechten Filmschnitt erkennt und fühlt man jedoch sofort: unnötige Wiederholungen, zu lange oder kurze Szenen, holprige Aufnahmen, die den Erzählfluss stören. Durch den Filmschnitt schafft man Rhythmus und Kontext und lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Wenn man das Gefühl hat, der Geschichte nicht mehr zu folgen, kann es daran liegen, dass der Film schlecht geschnitten wurde.«

Tobias verwendet für seine Arbeit den Media Composer von Avid, die führende Videobearbeitungssoftware. Das Programm ist allerdings recht teuer und seine Bedienung komplex. Weniger erfahrenen Editoren empfiehlt er Final Cut (kostenlose 90-Tage-Testversion, anschließend 329,99 Euro für die Pro-Version) oder DaVinci Resolve (Gratisversion mit eingeschränkter Funktionalität oder Studio-Version für 325 Euro). »Final Cut ist für Anfänger sehr intuitiv«, sagt Tobias. »Und die Gratisversion von Resolve ist phänomenal.«

Der Fotograf und Filmemacher Ray Demski, der für seine Filmaufnahmen früher die Nikon D850 verwendete und inzwischen auf die Nikon Z 6 umgestiegen ist, arbeitet mit Final Cut Pro, weil es »schnell und einfach« ist. Wenn möglich, arbeitet er jedoch am liebsten mit einem Filmeditor zusammen. »Der offensichtliche Nachteil eines Editors ist der Preis«, sagt er halb scherzend. Aber sich im Bekanntenkreis oder auf Instagram umzusehen und eventuell eigene Arbeit gegen die eines Editors im Tausch anzubieten, kann sich lohnen.

»Wenn man eine Arbeit sieht, die einem gefällt oder die dem Stil des Films entspricht, den man selbst machen möchte, sollte man einfach den Editor kontaktieren«, sagt Tobias.

Ein Editor betrachtet das Filmmaterial aus einem neuen, objektiveren Blickwinkel. »Editoren haben nur die Story und das Endergebnis vor Augen«, sagt Ray. »Sie machen sich keine Gedanken darüber, wie schwierig es vielleicht war, eine Aufnahme in den Kasten zu bekommen. Ihm geht es darum, eine Geschichte zu erzählen. Manchmal ist dafür eine Aufnahme, die einen halben Tag harter Arbeit erforderte, gar nicht nötig. Auch kann es sein, dass etwas, was sich für as Kameramann von selbst versteht, für einen Außenstehenden überhaupt nicht selbstverständlich ist – oder im Gegenteil.«

Ray und Tobias haben an zwei Kurzfilmen zusammengearbeitet; einer davon ist Bukom, eine Dokumentation über die Boxszene in Accra, die Ray im Herbst 2017 gedreht hat. Beide meinen, dass die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einem Filmemacher und einem Editor Diplomatie voraussetzt. »Wenn man das Gefühl hat, dass die Arbeit einen falschen Weg nimmt, muss man prüfen, welche Richtung vorgegeben wurde – aber dann auch konstruktiv darüber sprechen, welche Optionen es gibt.«

Das endgültige Urteil über den Film fällt ohnehin jemand anderes: das Publikum. »Man sollte immer im Blick behalten, welches Gefühl man rüberbringen möchte«, erklärt Tobias. »In mancherlei Hinsicht ist ein Editor dein erster Zuschauer. Wenn du den überzeugen kannst, schaffst du es auch bei einem größeren Publikum.

Tobias Beul
Tobias Beul
Ray Demski
Ray Demski

Ray Demski bei Aufnahmen für seine Box-Doku Bukom in Accra, Ghana

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Eric Fletcher setzte als einer der Ersten bei den Dreharbeiten für Fernsehserien Nikon-Kameras ein.

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Ray Demski und Tobias Beul

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