der krieg ist nur die halbe story


Olga Kravets gehört zu den neuesten Mitgliedern der internationalen Bildagentur NOOR. Mit ihrer Leidenschaft für multimediales Storytelling
hat sie ihre Nische gefunden

Mit 19 Jahren hielt Olga zum ersten Mal eine Kamera in der Hand. Als Journalistikstudentin war sie zunehmend frustriert über die fehlende Pressefreiheit in ihrer russischen Heimat – und mit der Fotografie als universelle Sprache entdeckte sie für sich ein alternatives Ausdrucksmittel. Im vierten Semester bekam sie einen Job bei einer Online-Medienfirma und wurde gleich nach Beslan in Nordossetien geschickt, um dort über die schreckliche Geiselnahme in einer Schule zu berichten, die mehr als 300 Menschenleben forderte. »Dort wurde mir bewusst, welche Macht die Fotografie besitzt und welche Möglichkeiten ich als Fotografin habe«, sagt sie heute.

Als Olga aus Beslan zurückkehrte, bekam sie die Kamera einer Kommilitonin »vererbt«. Außerdem absolvierte sie parallel zu ihrem Studium einen Fotokurs, um die technischen Grundlagen zu erlernen und zu vertiefen. Anschließend absolvierte sie ein Master-Studium im Fach Dokumentarfotografie am London College of Communication, und mit 23 Jahren begann sie ihre Laufbahn als freie Fotografin.

Olga sieht ihre journalistische Ausbildung als einen großen Vorteil: »Bei meiner Arbeit als Fotografin und neuerdings als Filmemacherin kommt mir all das zugute, was ich an der Journalistenschule gelernt habe. Für meine Filme muss ich gründlich recherchieren und ein Drehbuch schreiben. Und bevor ich Menschen fotografiere, interviewe ich sie.«

Auch ihr journalistisches Gespür für eine gute Story erwies sich immer wieder als nützlich. »Eine der ersten Entscheidungen, die ich traf, war für ein Jahr nach Abchasien zu gehen, eine abtrünnige Republik, die völkerrechtlich zu Georgien gehört«, sagt sie rückblickend. »Damals war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Abchasien war eine vergessene Region, über die niemand berichtete. Dementsprechend waren keine anderen freien Journalisten vor Ort. Kurz nach meinem Umzug brach der Krieg mit Russland aus und ich war nah genug dran, um darüber für eine kanadische Zeitung zu berichten. Das hätte ich nie so planen können, aber meine Intuition gab mir recht. Ich war dort, als es darauf ankam.«

Fortan spezialisierte Olga sich darauf, die Auswirkungen von Krieg und Konflikten zu dokumentieren, und fing an, die Möglichkeiten des multimedialen Storytellings auszuloten. Ab 2009 arbeitete sie gemeinsam mit den Fotografinnen Maria Morina und Oksana Yushko am multimedialen Projekt Grozny: 9 Cities über die Nachkriegszustände in der nordkaukasischen Republik Tschetschenien.

»Damals kamen die ersten Online-Dokumentationen auf«, sagt Olga mit Blick auf dieses Projekt, das auch in einer Ausstellung und einem Buch mündete. »Wir entschieden uns bewusst für diese Form, weil sich die Geschichten, die wir erlebten, nicht allein in Bildern erzählen ließen. Durch Filmaufnahmen konnten wir bestimmte Momente realistischer darstellen als nur mit Fotos.« Auch die Kameras mit professioneller Videofunktion wurden immer besser: »Plötzlich war eine Vielzahl von Formaten verfügbar und ich fand es toll, für jede Story das passende Medium zu wählen.«

Um Geld zu verdienen, nimmt Olga neben ihren freien Projekten auch kommerzielle Aufträge an: »Ich unterrichte dokumentarisches Storytelling. Außerdem bin ich auf zahlende Kunden angewiesen, um finanziell über die Runden zu kommen«. Seit Kurzem wirkt sie an einer Videokampagne der Bildagentur NOOR mit, die Teil eines europäischen Konsortiums zur Bekämpfung von Islamfeindlichkeit ist.

In Hinblick auf die Balance zwischen einer strengen Arbeitsmoral und den unvermeidbaren Risiken der Kriegsberichterstattung sagt Olga: »Angst kann auch konstruktiv sein, weil sie dir hilft, Situationen zu bewältigen und die Risiken einzuschätzen. Auch wenn es verrückt klingen mag: Ich habe viel mehr Angst, in Paris zu leben, als nach Syrien zu fahren. Wenn ich an diese gefährlichen Orte reise, beschäftige ich mich im Vorfeld mit den möglichen Gefahren.«

»Als der Krieg in Syrien ausbrach, nahm ich Kontakt zu einem Redakteur der New York Times auf und sagte ihm, dass ich mit meinem russischen Pass die Möglichkeit hätte, auch über die andere Seite des Konflikts zu berichten. Die Antwort lautete: ›Rufen Sie mich an, wenn Sie es tatsächlich bis nach Syrien geschafft haben.‹«

Ohne die Sicherheit einer offiziellen journalistischen Entsendung musste Olga ihren Aufenthalt an einem so gefährlichen Ort wie Syrien sorgfältig planen. »Gefährliche Jobs setzen eine sorgfältige Vorbereitung und Sicherheitsbewertung, Versicherungsschutz und ein gewisses Budget voraus«, erzählt sie. »Du brauchst sichere Transportmöglichkeiten, einen ›Fixer‹ vor Ort, einen sicheren Ort zum Übernachten und manchmal sogar Zimmer in zwei verschiedenen Hotels, die bereits gebucht und bezahlt sind, um bei Bedarf schnell umziehen zu können. Ich habe das Glück, eng mit der französischen Tageszeitung Le Monde zusammenarbeiten, die mich mit all den nötigen Sicherheitsvorkehrungen nach Syrien entsandte. Ansonsten wäre ich niemals ins Land gereist.«

In diesem Jahr hat sie bereits Fördermittel für ein neues Projekt bekommen – über das sie aus Sicherheitsgründen jedoch noch nicht sprechen kann. »Du musst gezielt auf die Einrichtungen zugehen, die bereit sein könnten, dir Geld zu geben. Selbst wenn du erfolgreich bist, bekommst du in der Regel nur einen Bruchteil von dem, was du beantragt hast – du brauchst also mehrere Stipendien. Manchmal ist es einfacher, ein Projekt erst einmal selbst zu finanzieren und zu hoffen, dass das Geld im Nachhinein wieder reinkommt.«

Angesichts der erheblichen Gefahren in Konfliktregionen sowie der Frustration bei der Beschaffung von Fördermitteln – worin besteht eigentlich die Attraktion der Konfliktberichterstattung? »Die Randerfahrungen, die man als Kriegsjournalist macht, machen definitiv einen starken Reiz aus«, sagt sie. »Im Fall von Tschetschenien spürte ich als Russin außerdem eine besondere Verantwortung, um mein schlechtes Gewissen für die Taten meiner Landsleute zu beruhigen. Und im Nahen Osten und vor allem in Syrien haben wir heute noch jede Menge zu tun. Darüber hinaus gibt es aber außerhalb der Konfliktgebiete so viele unbekannte Geschichten, die ich zum Beispiel in meinen Filmen über Islamfeindlichkeit in Italien erzählt habe. Zukünftig möchte ich mich weniger von geografischen Faktoren als von menschenrechtlichen Aspekten leiten lassen.«

olga kravets

russland

Mit ihren Videofunktionen sind Nikon-Kameras perfekt für Fotografen, die wie ich auch Filme produzieren. Als ich zu NOOR kam, bin ich auf Nikon umgestiegen – und sehr froh darüber. Für einen Fotografen ist ein Herstellerwechsel eine große Umstellung.

Ich habe zwei Kameras in meiner Fototasche – eine Z 6 und eine DF. Zum Fotografieren nutze ich gern die DF. Und die Z 6 ist so geräuscharm, dass ich viel mehr Bilder machen kann, ohne die Menschen zu stören.

Z 6

NIKKOR Z 35mm 1:1,8 S

Porträt bei natürlichem Licht der französischen Komikerin Aurélie Noblesse, aufgenommen für ein Lernvideo für die Meero-Plattform, 2019

Metadaten unbekannt

Porträt bei natürlichem Licht der französischen Komikerin Aurélie Noblesse, aufgenommen für ein Lernvideo für die Meero-Plattform, 2019

Metadaten unbekannt

Ebenfalls von der Islamfeindlichkeitsserie in Italien eine Aufklärungsveranstaltung über den Islam in einer Moschee, in die normalerweise nur Männer dürfen, in Brescia, Lombardei, Oktober 2019

Metadaten unbekannt

Felder um Lucera, im italienischen Puglia. Kaiser Frederick II schickte Muslime etwa 1220 ins Exil von Sizilien. Vom Projekt für Islamfeindlichkeit in Italien, Oktober 2019

Metadaten unbekannt

Schuhe trocknen in Primorsk, einer Stadt in der georgischen Abchasien-Region, die vom Krieg mit Russland zerstört wurde, Januar 2009

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Eine Weltkarte auf dem Fußboden einer verlassenen Schule in Primorsk, August 2008

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