EXPO


Sagenhafte Aufnahmen und die Geschichten dahinter

F. Dilek Uyar

Türkei

Als frühere Preisträgerin des National Geographic Travel Photographer of The Year ist F. Dilek eine Kennerin der Schönheit der Natur. Die Rechtsanwältin ist überall in ihrem Heimatland mit ihrer Kamera unterwegs. Der Salzsee Tuz Gölü in der Zentraltürkei etwa 150 Kilometer südlich von Ankara ist ihr persönliches »natürliches Fotostudio«. Die meiste Zeit des Jahres ist der See so flach, dass man ihn zu Fuß durchqueren kann. Manchmal ist das Wasser grellpink gefärbt. Das liegt an dem hohen Anteil an rosenfarbigen Mikroalgen, von der sich die hier lebenden Flamingos größtenteils ernähren. Der See ist jedoch nicht nur ein besonders geeignetes Fotomotiv, er ist zudem sehr wichtig für die lokale Wirtschaft. Das Wasser ist hypersalin: Der Salzgehalt ist also höher als der des Meers. Wenn der Wasserspiegel im Sommer sinkt und eine dicke Mineralkruste freilegt, werden hier mehr als 60 Prozent des Salzes für den türkischen Markt gewonnen.
Der Plan, einen Salzbauern vor der Kulisse des Vulkans Hasan Dagi abzulichten, ging voll auf. »Ich war so glücklich«, sagt F. Dilek, »denn ich denke, ich es wichtig, dass man das Foto schon im Kopf hat, bevor man zur Location fährt.« Das Ergebnis spricht jedenfalls für sich.


AF-S NIKKOR 24–70 mm 1:2,8E ED VR, ISO 32, 1/400 s, Blende 9

Simon Buckley

Großbritannien

Inspiration kann von überall herkommen, selbst aus einem Schicksalsschlag. 2015 ging die Ehe von Simon in die Brüche. Der Werbe- und Kunstfotograf zog vorübergehend zu einem Freund in seiner Heimatstadt Manchester. In Zeiten des persönlichen Umbruchs nutzte er die buchstäbliche und sprichwörtliche Kraft der Morgenstunde und erkundete die Stadt kurz vor ihrem Erwachen. »Ich liebe es, zu dieser Tageszeit draußen unterwegs zu sein«, sagt er. »Die Ruhe, die Stille und die zauberhafte Atmosphäre – ich komme mir immer vor, als wäre durch die Rückwand meines Kleiderschranks in eine andere Welt geschlüpft.« Das war die Geburtsstunde von seinem Projekt Not Quite Light. Die im Halbdunkel der Dämmerung entstandenen Aufnahmen führten zu Aufträgen, Ausstellungen und Auftritten auf Kunstfestivals. Dieses Foto entstand, als sich Simon in einer regnerischen Sommernacht durch die Straßen des Berliner Prenzlauer Bergs treiben ließ. »Normalerweise arbeite ich mit einem Stativ und langen Belichtungszeiten. Für diese Aufnahme griff ich auf Techniken zurück, die ich in meiner Zeit als Reportagefotograf für Magazine viel verwendete: Es entstand aus der Hand und ziemlich spontan. Die Herausforderung bestand im Mix aus Schatten, Lichtern und Farben.« Besser hätte man die wohl kaum bewältigen können.


D810, AF-S NIKKOR ED 24–70 mm 1:2,8, ISO 4.000, 1/60 s, Blende 4

Sven Zacek

Estland

Im Mai 2019 bekam Sven den Auftrag, das Terminalgebäude des Flughafens Tallinn-Lennart Meri zu fotografieren. »Da der Flughafen der Auftraggeber war, lief die Flugsicherung reibungslos«, sagt er. Um das Terminal mit einem Hubschrauber zu überfliegen, bedurfte es einer Sondergenehmigung. Die größte Herausforderung bestand jedoch darin, möglichst viele Flugzeuge auf die Aufnahme zu bekommen. »Der Flughafen kommunizierte also mit den Fluggesellschaften, um sicherzustellen, dass sich die Flugzeuge zu Sonnenaufgang auf den Standplätzen befanden – an dem Tag war das um 3:17 Uhr«, erzählt Sven. So blieben dem Esten einige Stunden bis zum ersten Start. Sven lehnte sich beim ersten Flug über das Terminal aus dem Hubschrauber, aber irgendetwas stimmte nicht. »Ich sprach mit dem Flughafenvertreter neben mir und er führte ein schnelles Telefonat, damit alle Terminallichter eingeschaltet und die Flugzeuge beleuchtet wurden.« Eine eher spektakuläre Bitte um mehr Licht mit einem beeindruckenden Ergebnis.


D850, AF-S NIKKOR 24–70 mm 1:2,8E ED VR, ISO 3.200, 1/80 s, Blende 2,8

Lloyd Horgan

Großbritannien

Im letzten Mai war Lloyd im Auftrag des Vertical Magazine – der »Bibel« der Helikopterindustrie – in Mali. Sein Hauptziel war eine Aufnahme von diesem CH-47F Chinook der Royal Canadian Air Force bei einer Brownout-Landung. »Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein Auto mit geschlossenen Augen einparken«, sagt Lloyd. Da bei der Landung riesige Staub- oder Sandwolken aufgewirbelt werden, können sich Piloten kaum oder gar nicht mehr nach Sicht orientieren. »Im Grunde genommen handelt es sich hier um eine typische Air-to-Air-Fotografie. Die größten Herausforderungen bestanden in
der Hitze von 45–50 °C und der Tatsache, dass die Crews und Maschinen auf einen echten Einsatz geschickt wurden. Der Helikopter, in dem ich saß, hatte keine Türen und die dicke, heiße Luft drang ins Innere als würde dir jemand einen Fön direkt ins Gesicht halten.« Die RCAF beteiligte sich an der Operation Presence, Kanadas internationaler Friedensmission, und obwohl Lloyd viele Jahre Erfahrung als Luftfahrtfotograf hat, war es seine erste Aufnahme in einem realen Einsatzgebiet. »Ich denke, auf der Aufnahme kommt sehr gut zum Ausdruck, unter welchen extremen Bedingungen diese Crews im Einsatz sind.«


D810, AF-S NIKKOR 70–200 mm 1:2,8G ED VR II, ISO 200, 1/200 s, Blende 10

Levon Biss

Großbritannien

»Ganz zu Beginn meiner Laufbahn hat man mir immer geraten, mich zu spezialisieren, damit die Kunden wüssten, was sie bekommen«, erzählt Levon. »Doch heute, 23 Jahre später, darf ich behaupten, dass das nicht unbedingt stimmt.« Die Aufnahmen des Londoner Sport-, Porträt-, Dokumentar- und Werbefotografen haben schon Magazintitel und Museumswände geziert. Eines seiner privaten Projekte basiert auf einem selbst gebauten Harmonographen, das harmonische Schwingungen in einen Kurvengraphen umsetzt. Am Pendel befestigt, etwa einen halben Meter über der Kamera, hängt eine Blechdose mit einem Loch im Boden und einer LED im Inneren. Wenn man das Pendel des Harmonographen in einem komplett dunklen Studio über eine Belichtungszeit von 17 Minuten zum Schwingen bringt, entsteht ein Muster. »Jedes meiner Projekte birgt irgendein technisches Problem, das es zu lösen gilt – das ist für mich ein wichtiger Teil des Prozesses«, erzählt er. »Meine persönlichen Projekte sind immer sehr viel langsamer und ausgeklügelter, weil ich mir den Luxus gönne, mir die Zeit zu nehmen, die ich bei kommerziellen Aufträgen nicht habe. Ich befinde mich jetzt in einer Phase meiner Karriere, wo 80 Prozent meiner Zeit und Einnahmen auf eigene Projekte entfallen. Das Ziel ist, 100 Prozent zu erreichen und mein Geld nur noch mit dem zu verdienen, was ich selbst fotografieren möchte.«


D850, AF-S NIKKOR 24 mm 1:1,4G ED, ISO 100, 17 Minuten, Blende 8

Simone Cmoon

Schweiz

Diese Aufnahme von Landschaftsfotografin Simone trägt den Titel Hommage an meinen Großvater – an einen Mann, der in schweren Zeiten viel geopfert hat, um für seine Familie im Schweizer Kanton Appenzell zu sorgen. »Die Berge symbolisieren ein hartes Leben, stehen aber zugleich auch für die Schönheit der Natur«, sagt Simone. An diesem konkreten
Ort wirken sich auch bedrohlich. »Ich kenne diese Regionen sehr gut und ich liebe mein Leben, sodass ich es nicht unnötig aufs Spiel setze. Diese Blumen – Kuhschellen – wuchsen an einer Stelle oberhalb hoher Felsen. Ich machte meinen Hund am Wegesrand fest und kroch mit wackelnden Knien und meiner Ausrüstung auf einen kleinen Felsvorsprung.« Simone machte mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Entfernungseinstellungen und setzte das Ergebnis in der Nachbearbeitung mithilfe von Focus-Stacking zusammen. Die monumentale Tiefenschärfe wirkt zugleich intim und spektakulär – ihr Großvater wäre stolz auf sie.


D810a, AF-S NIKKOR 14–24 mm 1:2,8G ED, ISO 200, 1/500 s (Blumen, Berge) und 1/200 s (Himmel), Blende 11

Lee Jeffries

Großbritannien

Das ist Greg. Er war obdachlos, als Lee ihm zufällig in Seattle auf der Straße begegnete. »Ich suche immer nach einer Verbindung«, sagt Lee über den Moment, wenn er ein mögliches Motiv für seine Porträtfotos trifft. »Als ich Greg auf der anderen Straßenseite sah, sprang dieser Funke sofort über. Ich lief rüber und sprach ihn an.« Letztes Jahr veröffentliche Lee sein Buch Portraits mit 220 Porträtaufnahmen von obdachlosen Menschen in verschiedenen Ländern. Das erste entstand 2008 in London mit einem Teleobjektiv – ein Foto von einem jungen obdachlosen Mädchen in einem Hauseingang. Die fragte ihn, was das solle, und das folgende Gespräch habe Lees Leben verändert. Seitdem nutzt der Buchhalter seine fotografische Arbeit, um Geld für Obdachlose einzunehmen und auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. »Meine Aufnahmen entstehen immer spontan«, sagt er. »Nichts ist geplant. Wenn überhaupt, muss ich auf die Gefühle meines Gegenübers reagieren. Ein Porträt sollte ein Kunstwerk sein, das die einzigartige Persönlichkeit und Stimmung des Modells widerspiegelt. Bei diesem Porträt von Greg kommt all das für mich perfekt zum Ausdruck.«


D810, AF-S NIKKOR 24 mm 1:1,4G ED, ISO 100, 1/125 s, Blende 4

Fredrik Karlsson

Schweden

Arbeiter in der Gießerei im schwedischen Karlstad haben 90 Sekunden Zeit, um 130 Tonnen flüssiges Eisen mit einer Temperatur von 1.340 °C aus vier riesigen Behältern in eine zylinderförmige Form zu gießen. Den Druck, die Hitze und die extremen Bedingungen hielt der schwedische Fotografen Fredrik für ein persönliches Projekt über das Leben und die Arbeit in der Gießerei fest. Sein Geld verdient er als Sport- und Nachrichtenfotografie. Auch da ist Timing alles. »Die Arbeiter verwenden fünf Wochen auf die Vorbereitung der Zylinderform und planen einen Tag für das Gießen ein.« erzählt er. »Ich wartete drei Stunden, um dieses Bild in den Kasten zu bekommen. Ich stand mit meiner Kamera leicht erhöht und nutzte ein Stativ. Um Verwacklungen zu vermeiden, verwendete ich den Selbstauslöser. Wegen des Schmutzes konnte ich keinen Objektivwechsel vornehmen. Die Umgebung ist gefährlich. Wenn das geschmolzene Eisen gegossen wird, sprühen die Funken in alle Richtungen.«


D850, AF-S NIKKOR 24–70 mm 1:2,8E ED VR, ISO 200, 1/40 s, Blende 4,5

Chris Parkes

Großbritannien

Die Fischer am Inle-See in Myanmar sind zu einem beliebten Fotomotiv geworden – was sie sicherlich ihrem einzigartigen Einbeinruderstil zu verdanken haben. Dabei stehen sie auf einem Bein und umfassen und bewegen mit dem anderen das Ruder. So haben sie mindestens eine Hand frei, um ihre Netze im flachen Gewässer des Sees auszuwerfen. »Ehrlich gesagt habe ich diese Aufnahme wegen all der Fotos gemacht, die ich schon von den Fischern gesehen hatte«, sagt Dokumentarfotograf Chris, der schon für seinen ersten Einsatz als Berufsfotograf auf dem Wasser unterwegs war – an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. »Keines dieser Bilder fand ich herausragend. Ich wollte etwas besonders Schönes erschaffen, dass die Fischer beinahe mythisch erscheinen lassen würde.« Laut Chris verdienen die Fischer heutzutage genauso viel mit dem Posieren für Fotos wie mit dem Fischfang. »Als wir diesen Fischer, Wunna, fragten, ob wir ihn fotografieren dürften, bat er freundlich um ein Honorar. Eine Viertelstunde vollzog er daraufhin elegante Posen am Rand seines Kanus, während hinter uns die Sonne unterging. Um dieses Foto in den Kasten zu bekommen, musste ich drei Boote navigieren: das von Wunna, das eines befreundeten Assistenten und mein eigenes. Die Kommunikation mit Händen und Füßen und viel Lächeln war in etwa so leicht wie Flöhe hüten, hat aber superviel Spaß gemacht!«


D750, AF-S NIKKOR 50 mm 1:1,4G, ISO 125, 1/180 s, Blende 4

Anne Ackerman

Deutschland

Die Female Bikers Initiative (FBi) ist eine Gruppe von Bikerinnen mit einem gemeinsamen Ziel: Sie wollen den Frauen in Westafrika den Zugang zu lebensnotwendigen Screenings und Therapien geben. Anne fotografierte die Gruppe 2019 in Nigerias Hauptstadt Lagos für ihre Serie High Speed Ladies. An dem Tag hatte die FBi kostenlose Gebärmutterhalsuntersuchungen in der Stadt organisiert. »In Nigeria stirbt jede Stunde eine Frau an Gebärmutterhalskrebs und die Bikerinnen von der FBi wollen diese Entwicklung bekämpfen. Ich wollte einerseits ein Gruppenfoto von den Frauen machen, andererseits aber auch zeigen, mit welchen schwierigen Bedingungen Frauen konfrontiert sind, die solche Screenings in Anspruch nehmen. Die ernste, kühle Stimmung der Aufnahmen gefällt mir. Die Bikerinnen sagen, dass die Leute sie bewundern, aber nicht möchten, dass ihre Töchter auch so werden, da sie als zu rebellisch gelten. Ich glaube, auf den Bildern kommt ganz gut zum Ausdruck, wie wenig sie das juckt.«


Z 7, NIKKOR Z 35 mm 1:1,8 S, ISO 200, 1/1.000 s, Blende 2,2