Stillstand ist Rückstand


Die größte Herausforderung in der Sportfotografie besteht nicht in den schnellen Bewegungen, sondern im schnellen Wandel

Illustration: Cami Dobrin

Die Sportfotografie steht genauso wenig still wie die Sportler, die sie dokumentiert. Seit mehr als 150 Jahren besteht die große Herausforderung des Genres darin, spektakuläre Bewegungen des menschlichen Körpers festzuhalten, die wir mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmen könnten. Somit gehört die Sportfotografie zu den technisch anspruchsvollsten Arten der Fotografie, für die laufend technologische Neuerungen erscheinen.

Die ersten Sportfotografien entstanden in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts und waren reine Porträtaufnahmen von Sportlern. Die erforderliche Belichtungszeit betrug damals mehrere Minuten. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten Fotografen die Hufe eines galoppierenden Rennpferdes einfangen oder die schnellen Drehungen eines Turners mit der Kamera »einfrieren«.

Durch die heldenhaft anmutenden Aufnahmen von Athleten wurden diese zu prominenten Größen und mit jeder technischen Neuerung – vom Teleobjektiv bis zum Autofokus – kamen nicht nur Sportfotografen, sondern auch die Fans den Sportlern immer näher. Der Sport und die Fotografie entwickelten sich gemeinsam weiter. Heute – zwei Jahrzehnte nach der digitalen Revolution – müssen sich Sportfotografen erneut anpassen.

Der aktuelle Wandel ist jedoch kein technologischer – wie Matthias Hangst, Chefsportfotograf von Getty Images, erklärt: »Vor 20 Jahren gingen wir samstags zum Fußballspiel und lieferten am Sonntag unsere Bilder, die am Montag abgedruckt wurden. Damals stand das Printprodukt im Vordergrund. Heute geht es vor allem um Live-Berichterstattung. Alles, was wir produzieren, muss schnellstmöglich und in höchster Qualität beim Kunden sein.« Insofern ist die moderne Sportfotografie sowohl Sprint als auch Marathon: Kunden wollen das Bildmaterial in Echtzeit. Der Fotograf muss seine Bilder also via Wi-Fi-Verbindung übertragen, gleichzeitig neue Fotos machen und parallel dazu per Fußpedale eine ferngesteuerte Kamera bedienen. Auch Fans erwarten noch vor Spielende professionelle Fotos in den sozialen Netzwerken. Das Tempo ist erbarmungslos, so Matthias.

»Bei Getty dokumentieren wir 50.000 Events pro Jahr, und mehr oder weniger alle werden live übertragen. Die Geschwindigkeit der Sportberichterstattung ist enorm, besonders im Fußball. Das ist großartig, denn dadurch ergeben sich mehr Chancen für uns, aber das Rennen hört auch nie auf.«

Die Getty-Fotografen am Veranstaltungsort werden von großen Teams aus Redakteuren unterstützt, die die gelieferten Bilder beschneiden, nachbearbeiten, mit Bildunterschriften versehen und dann an die Agenturkunden liefern. Für Clive Mason besteht darin die größte Veränderung. Der preisgekrönte Getty-Sportfotograf ist seit über 30 Jahren bei fast allen großen Sportevents dabei. »Bei den allermeisten Sportereignissen gibt es einen Remote Editor. So muss ich mich weder um die Nachbearbeitung noch um Rückstände am Tagesende kümmern.«

Für Clive bedeutet das, sich voll und ganz darauf konzentrieren zu können, das bestmögliche Bild zu machen. Stressig könne es aber dennoch sein. »Wenn die Wi-Fi-Verbindung ausfällt, bist du plötzlich im Krisenmodus.«

Dieser Druck sei vollkommen anders als die Sorgen und Nöte, die er am Anfang seiner Karriere noch zu Analogfilmzeiten hatte. »Als ich das erste Mal in Wimbledon dabei war, fotografierte ich den ganzen Tag, ohne zu merken, dass mein Timing schlecht war«, erzählt er. »An einem ganzen Tag gelangen mir nur drei Bilder, auf denen der Ball zu sehen war.«

Durch die Digitalfotografie ist der Beruf des Sportfotografen zu einem gewissen Grad einfacher geworden. Mit der heutigen Technologie – Clive nutzt die neue Nikon D6 und schwört auf deren unschlagbaren Autofokus – hat er gleich nach den ersten Ballwechseln seine Bilder im Kasten und kann so an einem Tag bis zu 20 Spiele dokumentieren.

Mit der Effizienz steigt aber auch das Volumen. Die grenzenlose Bilderflut zwingt selbst die besten Fotografen, noch besser zu werden. Bildagenturen wie Getty setzen Spezialisten ein, die sich mit ihrer Sportart bestens auskennen und perfekte Momente zuverlässig vorhersehen können.

»Sport ist extrem schnell. Wenn man in dem Moment auslöst, in dem etwas geschieht, kann es schon zu spät sein«, sagt Matthias. »Wenn ein Tennisspieler den nächsten Punkt macht, weiß ich genau, in welche Richtung er sich zum Jubeln dreht, weil ich das schon hundert Mal gesehen habe.«

Auch die Rezeption von Sportfotografie hat sich gewandelt. Der Aufstieg der sozialen Medien hat nicht nur dazu geführt, dass Fotografen schneller arbeiten müssen. Social Media beeinflusst auch, welche Art von Bildern gemacht werden.

»Wenn wir unser Smartphone zur Hand nehmen, halten wir es nicht horizontal«, sagt Matthias. »Auf den Mobilversionen von Plattformen wie Instagram werden viele Inhalte vertikal angezeigt. Und gerade die jüngeren User wollen heutzutage ein unmittelbares, interaktives Erlebnis – deshalb muss ich als Fotograf immer ganz nah dran sein und Emotionen einfangen.«

»Der harte Wettbewerb unter Sportfotografen führt dazu,
dass heutzutage
im Pressegraben ein schonungsloses
Gedränge herrscht«

Das, was selten gezeigt wird, sichtbar zu machen – darum geht es auch Alana Paterson. Als die Fotografin erfuhr, dass nur vier Prozent der veröffentlichten Sportfotos weibliche Athleten zeigen, nahm sie sich vor, dieses Ungleichgewicht zu beheben. Sie fotografiert Jugendsportlerinnen und erzielt durch die Verwendung von hartem Blitzlicht eine Ästhetik, die an die Sportfotografie der 1980er und 90er erinnert.

Mit ihrer Mischung aus Porträt- und Reportage-Fotografie unterstreicht sie, dass es in der Sportfotografie nicht nur darum geht, den Zieleinlauf eines Rennens oder ein spektakuläres Tor einzufangen.

»Für mich ist die Sportfotografie eine Kunstform«, sagt sie. »Es gibt nicht viele, die mich für klassische Action-Fotos engagieren würden. Für mich geht es darum, die Sportfotografie mit dem Storytelling zu kombinieren – ein Genre, das definitiv im Kommen ist.«

»Es gab schon immer zwei Arten von Sportfotograf*innen: Die Sportenthusiasten und die Künstler, und die erste Gruppe war irgendwann in der Mehrzahl. Mittlerweile geht man aber auch in der Sportfotografie dazu über, Geschichten zu erzählen und damit ein möglichst breites Publikum zu erreichen.«

Alana möchte mit ihrer Fotografie auf die Ungleichheit von Frauen und Männern in der medialen Darstellung und finanziellen Förderung aufmerksam machen. Der Wandel kommt jedoch nur schleppend voran. Der Erfolg der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2019 ist beispielhaft für eine wachsende Nachfrage, nicht nur nach Fotos von Sportlerinnen und Frauensportarten, sondern auch nach Sportfotografinnen – was längst überfällig ist, wenn man bedenkt, dass die allgemeine Geschlechterungleichheit in der Fotografie im Sportbereich noch ausgeprägter ist.

»Ich werde selten in einen Pressepool gesteckt, aber wenn es mal vorkommt, werde ich gnadenlos weggedrängt. Ich könnte meine Ellbogen gar nicht so hart einsetzen, um vorne zu bleiben. Es gibt einen Kollegen aus Kanada, der für die ganze Pressearbeit verantwortlich ist und vollen Körpereinsatz bringt. Wenn ich so handgreiflich wäre wie er, würde ich den Tag wahrscheinlich mit einer blutigen Nase beenden.«

Das schonungslose Gedränge im Pressegraben erklärt sich aus dem extremen Wettbewerb. Die Sportfotografen konkurrieren nicht mehr nur mit der Kollegin oder dem Kollegen neben ihnen, sondern mit ferngesteuerten Kameras und mit Drohnen.

Eine verständliche Sorge vieler Berufsfotografen ist daher, ob auch die Sportfotografie zukünftig noch stärker oder sogar vollständig automatisiert wird. Getty beschäftigt bereits Drohnenspezialisten und Operateure, die mehrere Kameras innerhalb eines Stadions fernsteuern. Matthias sagt, dass er es aufgegeben habe, die Zukunft vorherzusagen. »Wir glauben noch immer an den menschlichen Fotografen und sehen die technische Entwicklung nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance. In unserer Branche muss man sich immer weiterentwickeln und offen für Neues sein. In der Sportfotografie wie im Sport gilt: Stillstehen ist keine Option.«